Theater

„Ich will das schon so lange.“ Juli zupfte an der Haut ihrer Nägel herum und sah zu Boden. Ich hatte nicht mit gezählt, doch es mussten an die hundert Male gewesen sein, dass wir an diesem Punkt waren.
„Und weil du es so sehr willst, wirst du da herausgehen und sie überzeugen.“
Juli wollte es jeden Morgen aufs Neue. Es war der immer selbe Ablauf. Sie stand auf, stellte ihr gesamtes Leben infrage und erst nach dem zweiten Kaffee hörte sie auf zu weinen. Dann packte sie der Mut, erzählte mir, dass der hereinfallende Strahl der Ostsonne ihr Rampenlicht wäre, und begann zu singen. Und auch, wenn ich dem Schauspiel jeden Tag zusah, so wurde ich doch des Anblicks niemals müde. „So, und jetzt los. Ich warte in den Sitzreihen auf dich.“ Ich öffnete die Tür zum Theater und wir traten ein. Die drei Mitglieder der Jury sahen sich nicht zu uns um, warteten, bis Juli vor das Podium getreten war. Sie tat mir leid, als sie mit hängenden Schultern und ineinander gefalteten Händen mit dem Rücken zur Bühne stand. Doch sie wollte es so. Jeden Tag aufs Neue.
Die Jury schwieg. Sie taten es nicht gerne und wahrscheinlich dachten sie gerade an ihre verlorene Zeit, aber ich war ihnen dankbar, dass sie sich darauf eingelassen hatten.
„Mein Name ist Juli …“ Sie geriet ins Stocken. Und als ihre Augen an der Decke nach ihrem Nachnamen suchten, stieg mir die Hitze in die Stirn. Entweder sie würde frustriert abhauen oder … „Steinfeld. Juli Steinfeld.“ Ich atmete aus. Niemand machte sich die Mühe, in den Unterlagen ihren Namen zu überprüfen und schickte sie mit einem Handzeichen auf die Bühne. Der Zorn stieg mir in die Schläfen, doch als Juli dort oben stand, war er verschwunden. Ich liebte diesen Willen in ihr, ihren Träumen nachzugehen. Das Einzige, worin sie sich nach jedem Erwachen treu blieb und mich an die Juli erinnerte, in die ich mich verliebt hatte. Sie holte tief Luft. Und begann zu singen. Die Jury zuckte zusammen und ich grinste in mich hinein. Einer schenkte dem anderen einen Seitenblick und ich wusste, was sie dachten: Juli sang furchtbar. Der ganze Saal war erfüllt von den schiefen Tönen, die ihre Kehle verließen. Sie schafften es bis zur zweiten Strophe, ehe einer die Hand hob. Juli brach abrupt ab. Dann herrschte Stille, in denen ich das Blut durch Julis Adern pulsieren hörte. In meinen geschah dasselbe. Das war der entscheidende Moment.
„Hervorragend!“ Die Stimme des Jurors klang schräg. „Das haben sie wunderbar gemeistert, Frau Steinfeld.“ Ich hörte, dass er mit zusammengepressten Zähnen sprach.
Julis Lächeln nahm ihr ganzes Gesicht ein. Sie klatschte ihre Hände aneinander und begann zu hüpfen. „Wirklich jetzt?“
„Ja, ganz toll. Wir sehen sie dann in einer Woche bei den Proben.“
Juli schrie vor Glück, rannte von der Bühne auf mich zu und fiel mir in die Arme. Ich hielt ihren Kopf. Ich hatte bereits nach weiteren Vorsingen recherchiert. Denn es würde die nächste Woche nicht geben. Seit dem Unfall gab es nur diesen einen Tag. Mit demselben Morgen und demselben verrückten Traum, den ich ihr erfüllen wollen würde und einer weiteren Jury, die es zu bestechen galt. Für einige glückliche Stunden, in denen sie wieder meine Juli war. Immer und immer wieder.

 

 

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