Vergangener Hunger mit Zukunft
„Wo hast du das alles her?“
Meine Hände wühlen in dem Haufen zusammengeknoteter Bündel herum, die auf dem Bürgersteig vor mir liegen. Ich hatte Frieda gesucht, sie hatte mich übersehen, und so rieb sie sich nun den Kopf und ich hielt meinen vor Staunen.
„Na, sag schon.“
„Das Kaufhaus. Irgendetwas ist passiert. Jedenfalls lagen sie da im Hof überall rum, als hätte der Wind sie dorthin getragen.“
Begeistert stecke ich mir einen Stapel in meine Hemdtasche, einen weiteren in meinen Hosenbund, der von einer Paketschnur gehalten wurde, die ich einer spielenden Katze geklaut hatte.
„Mit der Menge schaffen wir es diesmal bestimmt…“
„Schnell.“ Frieda gibt mir einen Klaps auf den Arm und klemmt sich die Bündel unter die Achseln. „Beeil dich, wir müssen weiter.“
Wir rannten sinnlos, wenn es um diese Stapel ging. Ich meine, wir rannten oft. Sehr oft. Wir rannten vor Bäckern weg, vor Fleischern, auch wenn es nur Abfälle waren, die, die im Hinterhof auf andere Kinder warteten. Irgendeiner schreit immer. Dann laufen wir. Das vergammelte Brot schien irgendwie mehr wert zu sein als das frische von gestern.
Hektisch lesen Frieda und ich die Bündel auf. Hektisch gleitet es uns wieder zwischen den Fingern in den Dreck.
„Lass es liegen. Er kommt.“
Ich wehre mich gegen das Ziehen und Zerren meiner Schwester. Ich will es nicht liegen lassen. Was sollte ich essen?
Karl schupst mich und ich stolpere Frieda hinterher.
Wer die größte Pyramide baut. Ich hasse dieses Spiel. Wer die größte baut, bekommt alles.
Und wir wollen es alle. Dabei ist es so grau. So trist. So farblos. Ich versuche immer wieder, es zu essen, doch wie es aussieht, so schmeckt es auch.
Vorher… Vorher. So nannte es Frieda. Sie hatte nie versucht, ihr Spielzeug zu essen. Obwohl es so viel bunter gewesen sein soll, sagt Frieda. Sie sagt auch, bald würde es besser werden, bald wären die Stapel wieder etwas wert.
Bis dahin würden wohl noch viele Nächte folgen, in denen ich das Papier in Wasser tunke und mir das nasse, wabbelige Ding in die Wangen schiebe. Und es wieder versuche. Doch mein Bauch macht weiterhin die Geräusche, die mich und meine Schwester dazu zwingen, nach Essen zu betteln.
Ich sitze da und beobachte Frieda, wie sie vorsichtig die letzten Bündel oben auf die Pyramide legt. Sie ist größer als die von Karls Bande.
Und nun warten wir darauf, dass wir alles ausgeben, die schönsten Spielzeuge oder sogar unseren Vater zurückkaufen können. Frieda sagt, mit dem Geld könnte man alles tun.
Außer satt werden, finde ich.