Glaub daran

„Ich werde dir beweisen, dass es sie gibt.“
Heidi stürmte aus der Hütte, hinaus auf die Wiese. Die Schürze milchnass, die Stiefel schleifenlos. Die Rufe ihres Großvaters blieben aus. Kein Wort, dem sie sich hätte widersetzen können, nichts, woran sie die Wut über diese Ungerechtigkeit hätte auslassen können. Nur das Grün unter ihren Sohlen, dem sie einen Tritt verpasste. Heidi lief bis zum Hang und schrie den Bergen entgegen. Sie schrien dreifach zurück. Wenigstens der Fels antwortete. 
Großvater hatte gelacht und ihr den Kopf getätschelt. Aber Heidi wusste es. Er sah nur nicht richtig hin. Sie hatte von ihnen gelesen, hatte ihre Zungen dunkle Wolken spalten sehen, hatte ihr Brüllen aus Felspalten hervorquellen hören. Denn dort wohnten sie. An dem Ort, der für Heidi tabu war. 
Die Zöpfe peitschten ihr mit dem Wind um ihre Schultern. Sie sah sich zu der Hütte um. Die Tür war geschlossen. Großvater scherte sich nicht darum, dass sie gegangen war. Aber wenn sie Recht behalten würde, würde er sich scheren. Dann würde er ihr endlich glauben. 
„Ich hasse Erwachsene.“ 
Heidi schnürte ihre Stiefel und lief los. In den Tag hinein, der bald sein Ende fand. Denn erst in der Dunkelheit wagten sich Geheimnisse ans Licht. Das hatte sie erst heute gelesen. 

Die Sonne sank hinter die stillen Riesen. Und Heidi schlug die Arme umeinander. So furchtlos sie losgerannt war, so bedrohlich wirkte die Einsamkeit neben den Welten ohne Horizont. Und neben dem Geräusch ihrer Schritte war hier ein Knacken im Gebüsch. Und da ein Ast, der ihre Haarsträhnen fing. Auf einem Baumstamm ein weghuschendes Schattenwesen, dort ein Zischen, das über ihren Kopf hinwegsauste, und auf dem Pfad eine Wurzel, die sie übersah. Heidi stürzte. Und ein Jaulen zerschlug ihren letzten tapferen Willen. Sie sprang auf und rannte. Nur zurück zum Großvater, zurück in die Umarmung des Bekannten, zum wohligen Feuer, zum Duft nach Heu und Heimat. Nie wieder würde sie über Drachen ein Wort verlieren, gar über sie nachdenken. Nie wieder würde sie von zuhause weglaufen. Alle Geschichten würde sie verbrennen, die sie so weit in die Berge getrieben hatten.

Großvater machte ein Feuer, setzte einen Kessel auf. Und Heidi nahm ihre Bücher und einen tiefen Atemzug, riss die Seiten heraus und sich entzwei. Die Flammen fraßen fleißig. Sie griff das zweite Buch. Eines ihrer Lieblinge. Nicht nur wegen der eingestanzten Gravuren auf dem Einband. Auch wegen der Geschichten um eine Kriegerin. Eine, die ernst genommen wurde. Deren Wort niemand anzweifelte. Sie streichelte über den Buchdeckel, riss die mittleren Seiten heraus und ließ sie ins Feuer sinken. Es kräuselte die Ränder. Und stach hindurch. Sie erschrak vor einem Funken, bevor das Feuer nach ihr peitschte.

Heidis Lider brannten. Die Stirn schmerzte.
Langsam nur erwachte sie aus einem flammenzüngelnden Traum, der Wände und Dächer einriss und Menschen zur Flucht zwang. Unter ihrem Rücken war es so verflucht hart. Alles wackelte. Und da war ein Plätschern, als ob sie in die Zinkwanne stieg, kein knisterndes Feuer.
„Glaubst du wirklich, sie ist es?“
Heidi schlug die Augen auf. Über ihr hingen drei Köpfe - einer bärtiger als der andere - und sie schienen gar nicht zu bemerken, dass sie aufgewacht war. Erst jetzt spürte sie die Eiseskälte auf ihrer Haut. 
„Sie ist aus dem Feuer geboren. Und sie hat das Mal. Wir müssen sie der Jarl bringen.“
Die Gesichter wandten sich zu ihr, kugelrunde Augen wurden groß und niemand sagte etwas, als sie sich auf ihre Füße stellte.
Wasser. Weit und breit ein unendlicher Horizont. Grauer Himmel. Und brennende Hütten an einem Ufer, von dem sie sich entfernten. Unter ihr Holz. Das Schlagen eines Segels. Und ein Dutzend dick eingekleideter Körper, weiße Blicke unter schmutzigen Stirnen. Aufgeklappte Münder präsentierten mal mehr, mal weniger Zähne und der Geruch, der ihre Nase streifte, war ekelerregend weit entfernt von der gekehrten Hütte in den Bergen.
Wo zum Teufel war sie hier gelandet? Gerade noch hatte sie am Feuer gestanden und nun? 
„Du bist das Drachenmädchen. Oder?“ Sie sah herab zu dem Jungen, der neben ihr am Boden hockte, eine Münze in einer Hand drehte und mit der anderen auf seine Stirn zeigte. Heidi ertaste ihre. Und fuhr mit dem Finger über wulstige Haut. 

Sie hatte kein Wort gesagt und jeder auf dem Boot ging mittlerweile davon aus, dass sie stumm war. Oder sie einfach nicht verstand. Und das stimmte auch. Zum Teil. Denn die gesamte Rückfahrt über hatte Heidi problemlos die Sprache verstanden, die durch die haarigen Lippen quoll und nicht ihre war. 
Und erst, als sie anlegten, sie durch eine Siedlung führten, Heidis Stiefel im Matsch versanken und sie die Nase in ihrem Ärmel drückte, begann sie zu sprechen.
„Seid ihr Wikinger?“ 
„Ich dachte sie spricht nicht?“, sagte eine großgewachsene Frau, die auf einem klobigen Stuhl am Ende einer langen Hütte saß. „Wikinger? Was soll das sein? Und wer bist du?“ Die Fremde erhob sich und kam auf sie zu.
Sie war vermutlich die Jarl. Heidi hatte von Frauen wie ihr gelesen. Hübsche Flechtungen krönten ihr helles Haar und sie trug einen Mantel, verbarg aber nicht die Axt, die darunter hervorblitzte.
Wie in einem schweißgebadeten Traum war sie sich bis jetzt vorgekommen, der Anblick der Waffe straffte ihre Sinne.
„Sie hat in einem brennenden Haus gelegen, ohne dass die Flammen ihr etwas angetan haben. Wie die Seherin gesagt hat.“
Die Frau nahm die Erklärungen schweigend an und beugte sich zu ihr herab. Gletscherblaue Augen zuckten über Heidis Gesicht. 
„Sie hat es nicht.“ Bestimmtheit härtete ihre Stimme.
„Aber sie trägt das Mal des Drachenmädchens.“ 
„Was habe ich nicht?“, fragte Heidi und versteckte nicht den Zorn darüber, dass von ihr gesprochen wurde, als wäre sie nicht anwesend.
Die Frau wandte sich ab. „Biss. Mut. Glaube. Mindestens hat sie ihn sich mit Leichtigkeit austreiben lassen. Niemals würde sie den Panzerberg besteigen. Sie kann mir nicht helfen. Lasst sie gehen.“
„Nein! Bringt mich heim!“, schrie sie, doch sie blieb ungehört.

Heidi wurde der Kälte überlassen. Verwehte Flocken verfingen sich in ihren Zöpfen. Sie war weit weg von zuhause und den Weg zurück kannte sie nicht. Nach einer Weile verließen die Männer und Frauen leicht wankend die lange Hütte. Nachdem nur noch einzelne Fackeln Licht spendeten, öffnete Heidi vorsichtig das Tor und schlich hinein. Wärme empfing sie in einem leeren Raum. Und einen Vorhang am anderen Ende. Sie schob ihn bei Seite. Ein leises Feuer bestrahlte ein fellvolles Bett. Und darauf lag die Frau, die sie zuvor erniedrigt hatte. Heidi ging auf das Bett zu und stellte sich genau zwischen die Schlafende und das Feuer. Ein Schatten fiel auf die Züge der Jarl. Und nur in der Dunkelheit wagten sich Geheimnisse ans Licht. Ein Funkeln glitt über ihre Wange. Und als Heidi sich näher zu ihr herabbeugte, sah sie, was da wie durch transparente Haut schimmerte: Schuppen. Faszinierend betrachtete sie den sich wellenartig bewegende Panzer und bemerkte gar nicht, dass die Jarl die Augen geöffnet hatte. Erst, als eine Spitze ihr an die Brust stach. Heidi schrak zurück.
„Ich will, dass ihr mich nach Hause bringt.“ Sie versuchte ihrer Stimme die Furchtlosigkeit zu geben, die sie gerade nicht besaß.„Mut hast du ja doch. Aber hast du auch Biss?“, fragte die Frau, mit der zuckenden Flamme auf dem Gesicht und grinste. 

Eine schlaflose Nacht hatte man ihr gelassen, bevor man sie erneut sich selbst überließ. Das Leuchten unter der Haut der Frau hielt sie wach. Das Feuer in ihrem Blick, diese Furchtlosigkeit und Stärke. Sie war die Kriegerin, deren Wort sich niemand traute in den Weg zu stellen. Ein neuer Gedanke glühte in Heidis Willen. Und dieser schickte sie an den Rand der Siedlung. Das Licht eines neuen Tages stieg zwischen den Hügeln empor und dann sah sie den einen Berg, dessen Abbild sie auf dem Arm der Jarl gesehen und von dem Einband ihres Lieblingsromans kannte. Offensichtlich besagte die Prophezeiung, von der sie ein Teil sein sollte, dass sie ihn bestieg. Keinen Biss sollte sie haben, hatte diese unverschämte, schöne Fremde gesagt. Und es wäre ja gelacht, würde die Jarl ihr weiterhin solche Unwahrheiten unterstellen, wenn das Ziel eines Gegenbeweises doch so einfach wie ihr alltäglich Brot zu erreichen war. An den Füßen trug sie ihre besten Stiefel und in sich den wiedergefundenen Glauben an die Existenz eines magischen Wesens. Und dieser trieb sie mutiger voran als am Abend daheim. Die Sonne stand noch nicht ganz über der Spitze des Panzerbergs, als Heidi den Gipfel mit zerschürften Knöcheln und schweißtropfender Stirn erreichte. Als sie sich aufrichtete, brüllte ihr eine schwarze Höhle entgegen. Dort ein paar weiß funkelnde Punkte, hier ein leises Stöhnen, doch Heidi ließ sich nicht beirren. Sie berührte ihre Stirn, spürte die verbrannte Haut, spürte was sie überlebt hatte, und machte einen Schritt in das Dunkel hinein. 

Eine einzelne Schuppe wog in ihrer Hand. Die Mitte spaltete ein schmaler Schlitz. Dort, wo zuvor das Schwert gesteckt hatte, welches sie herausgezogen und mit beiden Stücken ans Tageslicht zurückgekehrt war. Das heidelbeerblaue Panzerstück wog mehr wie ihre Bücher und schimmerte klar wie ein Alpsee. Wie das Schimmern unter der Haut der Jarl. Sie würde es ihr bringen und sie würde staunen. Den Beweis, dass es Drachen gab. Heidi blickte gen Himmel. Sie musste den Berg verlassen, ehe die Dunkelheit ihre Schritte unvorhersehbar machen würde. Doch als sie einen Fuß über die Kante des Plateaus setzte, begann sich der Boden unter ihr zu bewegen. Ein Zittern durchfuhr das Gestein. Ein Brummen wurde zu einem Tosen, einem tiefen vibrierenden Rumoren. Heidi hielt sich mit beiden Händen die Ohren zu, Fels bröckelte unter ihren Stiefeln. Sie fiel ins Bodenlose. Und prallte so hart auf, dass sie dachte ihr Brustkorb würde bersten. Eine unsichtbare Kraft presste sie gegen etwas, das sie erst erkannte, als sich ihr Magen in die Luft erhob. Galle schoss ihr auf die Zunge. Die Siedlung lag weit unter ihr. Fest schlang sie beide Arme um den schuppigen Hals, als der Drache sein Tempo beschleunigte und sie über die Dächer hinwegtrug - aufs Meer hinaus. 

Heidi sprang und landete weich auf dem grünen Teppich ihrer Heimat. Endlich war sie zuhause. Und als die Jarl sich dankend verbeugte, ihre Flügel zum Wiedersehen ein letztes Mal hob und über dem Gipfel eines Berges immer kleiner wurde, verspürte sie nicht das geringste Bedürfnis ihrem Großvater davon zu erzählen. Sie hielt die schimmernde Schuppe gegen das Licht. Es war nicht wichtig, wer ihr glaubte, solange sie es selbst tat.

Wir benötigen Ihre Zustimmung zum Laden der Übersetzungen

Wir nutzen einen Drittanbieter-Service, um den Inhalt der Website zu übersetzen, der möglicherweise Daten über Ihre Aktivitäten sammelt. Bitte überprüfen Sie die Details in der Datenschutzerklärung und akzeptieren Sie den Dienst, um die Übersetzungen zu sehen.